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anja

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Rezension: Jane Rogers - Das Testament der Jessie Lamb

Das Testament der Jessie Lamb - Jane Rogers

"Das Testament der Jessie Lamb" ist wohl wieder mal eines der Bücher, die die Leserschaft spalten wird, was ich persönlich sehr gut nachvollziehen kann. Auch ich bin mir nicht komplett klar darüber, ob ich es nun wirklich gut finden kann, denn es gibt doch einige Kritikpunkte an dem Buch, auch wenn ich mich grundsätzlich gut unterhalten gefühlt habe. Der für mich herausstechendste Punkt wäre die Protagonistin selbst: Jessie ist hier die Ich-Erzählerin der Geschichte und doch konnte ich mich absolut nicht in sie hineinversetzen oder ihre Emotionen tatsächlich mitfühlen, denn die Autorin beschreibt alles irgendwie leblos und so komplett ohne Emotionen und das bei einem Thema, welches doch eigentlich genau das Gegenteil braucht. Die Grundidee der Story gefällt mir unheimlich gut, ist beängstigend und bedrückend. Zwar ist auch die Grundstimmung in diesem Buch recht bedrückend, aber leider ist das auch die einzige Emotion, die die Autorin gut rüberbringen kann. Die Vorstellung keine Kinder mehr gebären zu können, ohne dass die Mutter schon während der Schwangerschaft sterben muss - ausgelöst durch einen Virus, der auf die Menschheit losgelassen wurde - ist schlicht und ergreifend absolut furchtbar. Es wird geforscht, um diese Krankheit irgendwie überlisten zu können und es werden dazu natürlich freiwillige "Opfer" benötigt, die sich für diese Zwecke zur Verfügung stellen. Jessie möchte ihren Teil dazu beitragen und trifft eine Entscheidung, die für sie folgenschwer sein wird... Für mich war leider zu keinem Zeitpunkt wirklich nachvollziehbar, warum Jessie diese Entscheidung getroffen hat. Irgendwie hatte ich sehr oft das Gefühl, dass sie selbst gar nicht weiß, was sie da eigentlich tut. Natürlich möchte sie helfen, die Welt wieder zu verändern, aber ich hatte oftmals nicht das Gefühl, dass sie wirklich gut darüber nachgedacht hat, denn ihre Gedanken schweifen oft vollkommen ab. Für mich war sie einfach ein labiles Mädchen, dass sich diese Idee in den Kopf gesetzt hat und allen Argumenten gegenüber taub wird und nur ihren eigenen Kopf durchsetzen will, ohne Rücksicht auf die Menschen, die sie lieben. Das sie da in einen Gewissenskonflikt gerät, hat die Autorin recht gut dargestellt, auch wenn hier ebenfalls wieder die nötigen Emotionen fehlten, die doch genau dafür so wichtig sind. Das Verhältnis zu Jessies Eltern erweist sich als schwierig und sie tritt ihnen recht schnodderig gegenüber, was sicherlich zu ihrem Alter passen mag, doch oftmals ein wenig überspitzt dargestellt wurde (zumindest was die Erzählweise Jessies über ihre Eltern anbelangt). Wirkliche Sympathien konnte ich zu keinem der Protagonisten aufbauen, was wohl auch daran liegt, dass die meisten ziemlich blass bleiben.
Gut gefallen hat mir widerrum der Schreibstil der Autorin, der sich sehr flüssig lesen lässt und trotz der Emotionslosigkeit, konnte die Geschichte mich doch irgendwie fesseln. Gerade deswegen fällt es mir so schwer, eine Bewertung vorzunehmen.
Fazit:
Wer hier nicht mit zu großen Erwartungen herangeht, hat sicher seinen Spaß an dem Buch. Die Grundidee ist interessant und beängstigend, doch leider blieb die Erzählung ebendieser absolut emotionslos, was für mich hier das größte Manko darstellt, denn so eine Geschichte lebt doch von den Emotionen - gerade bei den Entscheidungen, mit denen die Ich-Erzählerin sich auseinandersetzen muss. Diese blieb jedoch - ebenso wie alle anderen Protagonisten - sehr blass und unnahbar, so dass man sich einfach nicht in sie einfühlen oder mit ihr mitfühlen kann. Leider wurde hier großes Potenzial verschenkt.